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Manchmal im Leben passt es einfach. Menschlich, musikalisch, atmosphärisch. „Ainos Gesang hat damals etwas ganz tief in mir berührt“, erinnert sich Hanmari Spiegel an ihre erste Begegnung mit der schwedischen Sängerin und Pianistin. „Da klang eine Ehrlichkeit und Klarheit durch, die ich aus meiner südafrikanischen Heimat kannte und liebte.“ Und als kurz darauf für einen Weihnachtsbasar ein paar Musiker gesucht wurden, ward aus dem Fan und der Künstlerin urplötzlich ein Duo. „Das hat richtig Spaß gemacht, wir haben einfach improvisiert, und doch war es gleich wie in einem großen, vertrauten Fluss...“ Was im ersten Moment erstaunt: Immerhin ist die eine auf einem Hof bei Dalarna im hohen Norden aufgewachsen, während die andere ihre Kindheit 12000 Kilometer entfernt auf einer kleinen Farm nahe Pretoria verbrachte. Bis eines Tages die Liebe beide an die Elbe verschlug und sie sich auf jenem Weihnachtsbasar über den Weg liefen... 2004 war das gewesen –  heute schweben die ebenso klugen wie hübschen Wahlhamburgerinnen als Duo Fjarill gemeinsam auf einer großen, unwirklich schönen musikalischen Welle, die sie längst auch über die deutschen Grenzen hinausträgt: im kommenden Februar nun sogar nach Südafrika. Denn mögen die beiden auch von verschiedenen Enden der Welt kommen, so „eint uns doch die Liebe zu wunderschönen Harmonien und aufrichtigen Gefühlen in unserer Musik“,

Seither sind sie musikalisch unzertrennlich.  „Wir sehen Fjarill als ein Baum, der gewachsen ist, und jedes Jahr stabiler wird“ sagen die beiden. Vielleicht, weil die eine intuitiv weiß, wohin die andere im nächsten Moment in puncto Harmonie und Melodie gehen wird – und so strömen denn die Lieder wie in einem großen, langen Klangfluss dahin, nur unterbrochen von den lauschenden Momenten der Stille.

Ja, wer ihren poetisch-melancholischen Klangwegen folgen will, braucht Zeit und Muße. Denn „vor allem wenn wir live spielen, gibt es bei uns lange Momente der Stille“, sagt Aino Löwenmark. Und, kleines Wunder, in einer immer hektischeren und lauteren Welt: Auch das Publikum ist in diesen Konzert-Momenten ganz ruhig. „Es gibt eine ungeheuer große Sehnsucht nach Stille“, meint ihre südafrikanische Kollegin. „Das hören wir von unserem Publikum immer wieder – was uns natürlich sehr freut.“

In dieser Stille, oder vielmehr dem Mut, eben diese Stille auszuhalten, liegt denn auch eines der Geheimnisse der Faszination, die von Fjarills Musik ausgeht: Ein Lauschen nach den Tönen der anderen, „ganz genau hinzuhören: Was macht sie gerade?“, erklärt die Geigerin. „Wohin geht das Stück? Wer setzt den nächsten Ton?“ Ein Spiel mit der Stille wie der Improvisation, das ihr Konzertpublikum immer wieder aufs Neue fasziniert und ihre Lieder wachsen lässt.

Wunderbar Töne, die sich in zeitlosen Sphären zwischen kammermusikalischem Folk und Weltmusikpop mit ethnischen wie Jazz-Einsprengseln bewegen – und die doch bei jedem Konzert neue Klangwege einschlagen. Vor allem dann, wenn das Duo sich ohne Band auf die Reise macht wie etwa auf ihrem 2012 veröffentlichten „Live in Hamburg“-Album: „Zu zweit sind wir nämlich ganz frei“, sagt Hanmari.

Doch auch auf ihren anderen fünf bisherigen CD-Einspielungen „Stark“, „Pilgrim“, „Livet“, „Tiden“ und „Stilla Tyd“ – die ihnen sowohl den Global Ruth (2011) als auch den Creole Weltmusikpreis (2013) bescherten – haben die Fjarills diese grenzenlose Freiheit Klang werden lassen: Moderner Folk-Pop von intensiver Schlichtheit, der wunderbar entspannt, ja manchmal wie gehaucht dahinströmt, leicht, fast schwebend begleitet neben Klavier und Violine von Cello, Trompete, Lap Steel, Horn, Gitarre oder Akkordeon. Und selbst wenn die beiden einem Drummer wie dem Tingvall Trio-Schlagzeuger Jürgen Spiegel gestatten, zu seinen Sticks zu greifen, schränkt das rhythmische Korsett doch an keiner Stelle die poetisch-melancholischen Klangwege ein: Die Zeit, nach ruhigen und leisen Momenten zu suchen, nimmt sich das Duo einfach.

Wobei auch ihren wehmütigen Stimmungen stets ein hoffnungsfroher Sonnenstrahl entspringt. „Anders könnte ich auch gar nicht musizieren“, meint Aino. Schließlich sei „Musik doch wie das Leben“. Und so kann sich nicht nur ihr feinsinniges Spiel mit Dur und Moll („das ist typisch schwedisch, dieser Stimmungswechsel in ein- und demselben Stück“) immer wieder gar wunderbar aufs Neue entspinnen, sondern desgleichen jenes mit der Brust- und Kopfstimme Löwenmarks, das einen wunderbar warmen wie fragilen Sound mit sich bringt. Ein Gesang, der niemanden unberührt lässt – und das, obwohl kaum einer hierzulande die Texte vom Leben und der Liebe, von der Natur, der Vergänglichkeit oder dem Hamburger Regen versteht, singt doch die Schwedin in ihrer Muttersprache.

„Wenn du den Text nicht verstehst, öffnet sich dein Herz viel mehr für die Musik.“ Es geht Fjarill eben nicht darum verstanden, sondern gefühlt zu werden. Oder um es mit einer Zeile aus ihrem Lied „Luister“ zu formulieren: „Wer wirklich zuhören will wird das Geheimnis entdecken, der könnte sogar den Flügelschlag eines Schmetterlings hören auch passend zu der Bandnahme Fjarill (Schmetterling auf Schwedisch).
Nach großer Nachfrage nach ihren Liedern erschien im 2013 deren Songbook.

Und ganz gleich ob in Deutschland oder Schweden, Südafrika, Österreich, Dänemark, Luxemburg oder der Schweiz: Wenn die beiden im Konzert in der südafrikanischen Friedenshymne „Ukuthula“ ihr Publikum auffordern, in den gleichnamigen Refrain einzustimmen, dann erwächst daraus ein verzaubernder Wohlklang, der einfach nur ein einziges großes Glück ist für alle Getriebenen dieser Musik-Welt. Weil wachsen eben nicht immer Wachstum und schon gar nicht erwachsen werden bedeuten muss.